Warum man eigentlich nie genug Fahrräder haben kann

Warum man eigentlich nie genug Fahrräder haben kann

Unter passionierten Radfahrern gibt es eine mathematische Formel, die so unumstößlich scheint wie der Satz des Pythagoras. Sie lautet schlicht: N+1. Auf die Frage, wie viele Fahrräder man idealerweise besitzen sollte, ist die Antwort immer: eines mehr, als man gerade hat (n).

Für Außenstehende, die ein Fahrrad rein pragmatisch als „Drahtesel“ für den Weg von A nach B betrachten, wirkt das oft wie pure Sammelwut oder unnötiger Luxus. „Du hast doch schon ein Fahrrad, wozu brauchst du noch eins?“ ist der Satz, den sich viele Enthusiasten von Partnern oder Freunden anhören müssen. Doch wer einmal tiefer in die Welt des Radfahrens eingetaucht ist, weiß: Ein Fahrrad ist selten genug. Denn Fahrräder sind keine einfachen Fortbewegungsmittel, sie sind hochspezialisierte Werkzeuge. Und so wie ein Handwerker nicht versucht, mit einem Hammer eine Schraube einzudrehen, so braucht auch der Radfahrer für unterschiedliche Einsatzzwecke das passende Gerät.

In diesem Artikel brechen wir eine Lanze für das „Zweitrad“ (und das Drittrad…) und erklären, warum die Spezialisierung deines Fuhrparks nicht nur mehr Spaß macht, sondern am Ende oft sogar die pragmatischere und kosteneffizientere Lösung ist.

Der Mythos der „Eierlegenden Wollmilchsau“

Viele Einsteiger kaufen sich zu Beginn ein sogenanntes Trekking-Rad. Der Gedanke ist verständlich: „Damit kann ich zur Arbeit fahren, aber auch mal durch den Wald.“ Das stimmt auch, aber es ist immer ein Kompromiss. Ein Trekking-Rad ist auf der Straße langsamer als ein Rennrad und im Gelände unsicherer als ein Mountainbike. Es kann alles ein bisschen, aber nichts so richtig perfekt.

Sobald du die Leidenschaft für einen bestimmten Bereich entdeckst, wirst du merken, wie viel mehr Spaß spezialisiertes Material macht.

  • Das Rennrad: Es fühlt sich an wie Fliegen. Es ist leicht, steif und verwandelt jeden Tritt direkt in Vortrieb. Aber damit über Kopfsteinpflaster zum Bäcker? Eine Qual. Und wehe, es gibt keinen sicheren Abstellplatz.

  • Das Mountainbike: Es bügelt Wurzeln glatt und gibt Sicherheit im Downhill. Auf dem Asphaltweg zur Arbeit ist der Rollwiderstand der dicken Stollenreifen jedoch eine echte Spaßbremse.

Hier kommt das Zweitrad ins Spiel. Es erlaubt dir, für den jeweiligen Einsatzzweck das perfekte Werkzeug zu wählen, statt dich mit einem faulen Kompromiss zufrieden zu geben.

Das „Bahnhofsrad“ – Der Held des Alltags

Ein oft unterschätztes, aber essenzielles Mitglied in jedem gut sortierten Fuhrpark ist das sogenannte „Bahnhofsrad“ oder die „Stadtschlampe“ (ein liebevoll gemeinter Begriff in der Szene). Das teure Carbon-Rennrad oder das vollgefederte Enduro-Bike möchtest du nicht stundenlang unbeaufsichtigt vor dem Supermarkt oder am Bahnhof stehen lassen. Die Angst vor Diebstahl oder Vandalismus fährt immer mit.

Das Zweitrad für die Stadt darf ruhig Kratzer haben. Es muss vor allem eines sein: zuverlässig und verkehrssicher. Es braucht Schutzbleche (damit das Büro-Outfit sauber bleibt), festes Licht und einen Gepäckträger. Dieses Rad schont dein teures Sportgerät vor dem harten Alltagsverschleiß durch Streusalz im Winter und Regen. Wirtschaftlich betrachtet ist es oft günstiger, ein einfaches Stadtrad „runterzureiten“, als die teuren Verschleißteile eines High-End-Sportrades im Stadtverkehr zu opfern.

Warum man eigentlich nie genug Fahrräder haben kann Alltagsrad
Solider Begleiter im jeder Situation: Das Zweitrad sollte den Strapazen des Alltags standhalten.

Das E-Bike: Der Gamechanger für den Arbeitsweg

Wenn wir über das perfekte Zweitrad sprechen, kommen wir an einer Kategorie nicht vorbei, die die Fahrradwelt in den letzten Jahren komplett auf den Kopf gestellt hat: das E-Bike.

Vielleicht bist du puristischer Rennradfahrer oder überzeugter Mountainbiker. Du liebst es, dich am Wochenende auszupowern und jeden Höhenmeter aus eigener Kraft zu erklimmen. Das ist großartig. Aber Hand aufs Herz: Hast du immer Lust, diese körperliche Anstrengung auch am Montagmorgen auf dem Weg ins Büro zu erbringen? Willst du verschwitzt im Meeting sitzen oder Wechselkleidung mitschleppen?

Genau hier schließt das E-Bike eine Lücke im Fuhrpark. Es ist nicht dazu da, dein Sportgerät zu ersetzen, sondern dein Auto. Es ist das ideale Zweitrad für den Alltag. Mit Motorunterstützung verliert der Gegenwind seinen Schrecken und Steigungen werden glattgebügelt. Du bewegst dich an der frischen Luft, kommst aber entspannt an. Zudem sind moderne E-Bikes oft echte Lastesel. Während das leichte Carbon-Rad bei einer schweren Packtasche instabil wird, sind E-Bikes mit ihren massiveren Rahmen und tiefen Schwerpunkten perfekt dafür geeignet, den Wocheneinkauf nach Hause zu transportieren.

Wer den Umstieg vom Auto auf das Rad ernsthaft in Erwägung zieht, findet im Bereich der Pedelecs und E-Bikes leistungsstarke Modell die Reichweite und Komfort so kombinieren, dass der Verzicht auf den PKW gar nicht mehr schwerfällt.

Das E-Bike als Zweitrad erlaubt es dir also, dein sportliches „Bio-Bike“ (Fahrrad ohne Motor) wirklich nur dann zu nutzen, wenn du Sport treiben willst, und für alle Erledigungen auf die elektrische Unterstützung zu setzen. Das ist kein Schummeln, das ist intelligentes Mobilitätsmanagement.

Das Winter-Rad: Schone dein Material

Ein weiterer Grund für die Erweiterung des Fuhrparks sind die Jahreszeiten. Deutschland ist nicht Kalifornien. Von November bis März haben wir es oft mit Nässe, Matsch und vor allem aggressivem Streusalz zu tun. Salz ist der natürliche Feind hochwertiger Fahrradkomponenten. Es frisst sich in Lager, lässt Ketten rosten und greift Aluminiumnippel an.

Wer sein teures 5.000-Euro-Sommerrad durch den Schneematsch jagt, vernichtet bares Geld. Ein dediziertes Winter-Rad (oder „Winter-Schlampe“, um im Jargon zu bleiben) ist hier die Lösung.

Die Anforderungen an dieses Rad sind spezifisch:

  • Breite Reifen: Für mehr Grip auf nassem Laub oder Schnee.

  • Fest montierte Schutzbleche: Damit der Hintern und die Füße trocken bleiben.

  • Lichtanlage: Am besten mit Nabendynamo, damit man sich keine Sorgen um leere Akkus bei Kälte machen muss.

  • Günstige Komponenten: Verschleißteile wie Kette und Kassette sollten hier günstig zu ersetzen sein, da sie im Winter deutlich schneller abnutzen.

Das „Gäste-Rad“: Gemeinsam macht es mehr Spaß

Ein oft übersehener Aspekt der N+1-Strategie ist der soziale Faktor. Wie oft wolltest du schon eine spontane Tour mit einem Freund oder einer Freundin machen, die aber gerade kein passendes Rad parat hatten? Wenn du ein Zweitrad (oder Drittrad) im Keller hast, bist du der Ermöglicher.

Du kannst Besuchern deine Stadt zeigen, ohne auf Bus und Bahn angewiesen zu sein. Oder du kannst einen Freund, der bisher noch skeptisch war, mal auf eine Mountainbike-Runde mitnehmen, indem du ihm dein altes Hardtail leihst, während du dein neues Fully fährst. Ein Ersatzrad zu haben, bedeutet auch, Barrieren für andere abzubauen und die Freude am Radfahren zu teilen.

Übersicht: Welches Rad für welchen Zweck?

Um dir die Argumentation gegenüber deinem Partner (oder deinem Gewissen) zu erleichtern, haben wir hier eine kleine Übersicht zusammengestellt, warum sich verschiedene Typen im Fuhrpark ergänzen und nicht ausschließen:

Fahrrad-Typ Primärer Einsatzzweck Warum man es braucht Warum es allein oft nicht reicht
Rennrad Sport, Training, Straße Geschwindigkeit, Leichtigkeit, Fitness Unbequem in der Stadt, pannenanfällig auf Schotter, keine Transportmöglichkeit
Mountainbike (MTB) Gelände, Wald, Trails Adrenalin, Naturerlebnis, Techniktraining Hoher Rollwiderstand auf Asphalt, hoher Wartungsaufwand
Gravelbike Schotterwege, Bikepacking Vielseitigkeit, Abenteuer Kann vieles, ist aber auf der Straße langsamer als ein Rennrad und im harten Gelände schwächer als ein MTB
City-/Trekkingrad Alltag, Einkauf, Pendeln Robustheit, Verkehrssicherheit, Licht Oft schwer und träge, macht weniger Spaß beim reinen Sport
E-Bike / Pedelec Arbeitsweg, Lastentransport Ersetzt das Auto, schweißfreies Ankommen Schwer (über 20kg), Handling anders als beim Sportrad, Reichweitenangst
BMX / Dirtbike Skatepark, Tricks Maximale Agilität, Fahrtechnikschule Als Fortbewegungsmittel über längere Strecken ungeeignet (kein Sitzen möglich)
Faltrad Bahnreisen, Kofferraum Maximale Mobilität, Mitnahme im ICE Fahrverhalten oft nervös, kleine Räder rollen schlechter über Unebenheiten

Platzmangel? Alles eine Frage der Organisation

Das häufigste Gegenargument gegen N+1 ist nicht das Geld, sondern der Platz. „Wohin mit all den Rädern?“ ist eine berechtigte Frage, besonders in städtischen Mietwohnungen. Doch auch hier gibt es Lösungen. Wer Fahrräder liebt, findet Wege.

  • Wandhalterungen: Nutzen die Vertikale! Fahrräder können wie Kunstwerke an der Wand hängen. Das spart Bodenfläche.

  • Deckenlifte: In hohen Altbauwohnungen oder Garagen können Räder unter die Decke gezogen werden.

  • Vorderrad-Haken: In engen Kellerräumen können Räder hochkant nebeneinander gehängt werden, ähnlich wie in einem Fahrradabteil im Zug.

Warum du kein schlechtes Gewissen haben musst

Am Ende ist die Anzahl der Fahrräder eine Frage der Prioritäten. Manche Menschen geben viel Geld für Autos, Elektronik oder teure Urlaube aus. Dein Investitionsgut ist eben Mobilität und Gesundheit. Jedes Fahrrad in deinem Besitz erfüllt einen Zweck. Das eine hält dich fit, das andere bringt dich zur Arbeit, das dritte schont die Umwelt.

Es ist vollkommen okay, mehr als ein Fahrrad zu besitzen. Tatsächlich ist es sogar sinnvoll. Durch die Verteilung der Kilometer auf mehrere Räder hält jedes einzelne länger. Du hast immer ein Backup, falls mal eines einen Platten hat oder zur Inspektion muss.

Also, wenn du das nächste Mal online oder im Laden ein Rad siehst, das eine Lücke in deinem Fuhrpark füllen könnte: Denk an die Formel N+1. Es gibt sicher noch eine Disziplin, die du noch nicht ausprobiert hast. Vielleicht ein Lastenrad? Ein Fixie? Oder doch das Gravelbike für den Herbst? Die Welt des Fahrradfahrens ist zu bunt, um sie nur durch eine einzige Brille – oder auf einem einzigen Sattel – zu betrachten.

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